Hilferuf einer Ästhetin:
Okay, auf manche wirke ich vielleicht zynisch, verliebt in Designs, angewidert vom Hässlichen; und doch voller verzweifeltem Esprit. Gerne wohne ich in einem der inneren, feudalen Bezirke und gehe täglich zu Fuß in die Arbeit. Auf meinem geliebten Schulweg durch Wien, dieser Operettenstadt mit Napoleon-Komplex, wo selbst der Staub auf den Fenstersimsen einen Habsburger-Stammbaum hat, was sehe ich zunehmend?
Keine Seide, kein Kaschmir, kein Gefühl für Stoffe, die im Licht tanzen.
Nein. Ich sehe: GORE-TEX. In Anthrazit. An Menschen, die ihren Kaffee auf der Kärntner Straße trinken, als wären sie auf 2.400 Meter Höhe.
Man sagt, Kleidung sei Kommunikation. Dann schreien diese Menschen: Ich fürchte mich vor Wetter. Ich hasse Stil. Ich will überleben, auch bei Nieselregen!
Dabei tragen sie Schuhwerk mit Vibram-Sohle, als würde gleich eine Gletscherspalte zwischen der Staatsoper und dem Stephansdom aufklaffen. Die Jacken: atmungsaktiv. Die Gesichter: weniger.
Ihre nonverbale Devise? Nie schwitzen, nie auffallen, nie träumen.
Ich hasse sie nicht. Ich verachte ihr Erscheinungsbild.
Nicht, weil sie hässlich wären oder ungepflegt. Sondern weil sie sich schlicht weigern, sich stadtfein zu sein.
Wien hat eine Aura, die nach Cappuccino und k.u.k. Dekadenz riecht. Und dann: Ein ganzer Trupp Menschen, die aussehen, als wären sie aus einem Outdoor-Katalog geflohen, in dem das Wort Eleganz als Sicherheitsrisiko gilt.
Natürlich geht es im Leben nicht darum, französisch trés chic zu wirken. Aber es geht auch nicht darum, auszusehen wie jemand, der jederzeit bereit ist, ein Murmeltier zu retten.
Neulich erst beobachtete ich ein Pärchen; vermutlich aus Mailand. Er trug einen Mantel, perfekt geschnitten. Sie, eine Silhouette aus warmem Kamelhaar, so unbeteiligt wie die Mona Lisa, aber mit besseren Schuhen. Und daneben: Ein österreichisches Paar in matching Shelljacken. Zwei zum Preis von einer.
Beziehungsstatus: Untrennbar durch Reißverschluss.
Ich frage mich: Wenn man schon in einer der schönsten Städte Europas ist, warum kleidet man sich dann so, als würde man gleich in einer Almhütte übernachten müssen? Warum dieses ewige Fluchtgepäck auf der Brust, Rucksack mit Trinkschlauch, als wäre der nächste Espresso eine Survival-Prüfung?
Die Wahrheit ist brutal: Funktionskleidung ist wenig kleidsam. Sie ist Kapitulation. Sie sagt nonverbal: Ich habe den Glauben an Ästhetik verloren. Ich lebe in einer Welt, in der Schönheit eine Unannehmlichkeit ist. Deshalb lieber reinkuscheln in den Hoodie der Angstgesellschaft oder den Anorak der inneren Leere. Diese Social Codes sind das Gegenteil von Poesie.
Fazit: Man muss wirklich nicht aussehen wie eine Insta-Hupe oder eine Möchtegern-Anna-Wintour. Aber ein bisschen Anstand in der Garderobe, bitte. Ein Kragen. Sanftes Make-Up. Und ein Stoff, der nicht unter Laborbedingungen entstanden ist. Wie wohltuend: Für das Spiegel- und das Stadtbild. Denn: Wenn die Innenstadt aussieht wie ein Wanderweg, dann stirbt nicht nur der Stil, dann stirbt auch die Stadt. Wer Wien betritt, wie einen Berg, verlässt es wie ein Vorurteil. Und das ist echt kein Fortschritt; es ist ein modischer Rückschritt, mit Klettverschluss.